Innerparteiliche Demokratie und neue Formen von Beteiligung sind notwendig, damit die SPD wieder die Rolle einnimmt, die unser Land braucht.
Die SPD hat bei der Bundestagswahl am 27. September 2009 das schlechteste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte eingefahren. 23% der Zweitstimmen sind ein nie vorstellbares Wahlergebnis für die Sozialdemokratie. Hinter diesem prozentualen Wert verbirgt sich der Verlust von rund 6 Millionen Zweitstimmen im Vergleich zur Bundestagswahl 2005. Auch in Niedersachsen – einer der Herzkammern der Sozialdemokratie – erzielten wir mit 29,3% das schlechteste Ergebnis der Wahlgeschichte und können mit unserem Abschneiden absolut nicht zufrieden sein. Die künftige Bundestagsfraktion besteht aus 146 Abgeordneten und damit 76 Abgeordneten weniger als bisher. Mit diesem erheblichen Verlust an Abgeordneten und dem Verlust der Regierungsbeteiligung verlieren wir politische Gestaltungskraft und kommunikative Möglichkeiten. Gleichzeitig geht mit den Wahlergebnissen ein erheblicher Verlust an Personal-, Finanz- und Organisationskraft für die Partei und Fraktion verloren.
Die Bundestagswahl liegt am Ende einer Kette von Wahlniederlagen, die in vielen Regionen und Landstrichen dazu geführt hat, dass es Bereiche gibt, in denen es keine sozialdemokratischen Mandatsträgerinnen und Mandatsträger mehr gibt, die als „Repräsentantinnen und Repräsentanten“ der Sozialdemokratie wahrgenommen werden und als solche agieren können. Zusätzlich belastet der seit Jahren schwächelnde und schwächende Zustand einzelner Organisationen des sozialdemokratischen Vor- und Umfelds die SPD. Dieser Zustand ist das Ergebnis eines Mix aus „normalen“ Veränderungsprozessen aller gesellschaftlichen Großorganisationen, dem bürokratischen Umgang der Sozialdemokratie mit der sozialdemokratischen Familie und zum Teil selbstverschuldeter Fehlentwicklungen in den Vorfeldorganisationen.
Erschwerend kommt hinzu, dass Repräsentanten des rechtskonservativen, des grünbürgerlichen und des autoritärsozialistischen Lagers – mit Attitüden und Empathie, die an Kopien der erfolgreichen sozialdemokratischen Zeit erinnern sollen- die Spielräume der SPD für Bürgerdialoge, das Wahr- und Aufnehmen von gesellschaftlichen Interessen, die Rolle des „verlängerten Armes“ der Parlamente, das Erreichen und den Austausch mit den Zentren des gesellschaftlichen Lebens arg verengt haben. Die Übernahme von Vorbildfunktionen für die nachwachsende Generation droht verloren zu gehen.
Wenn nicht ganz schnell substanzielle Veränderungen in der Art und Weise des Handelns und Seins unserer sozialdemokratischen Bewegung (= Partei, Vor- und Umfeld) eingeleitet und breit umgesetzt werden, kann die organisierte sozialdemokratische Idee den Einflussverlust und Gestaltungsspielraum nur sehr schwer zurückgewinnen.
Ja, wir haben verloren – und zwar richtig und sehr deutlich, da ist nichts zu beschönigen!
Es gibt allerdings keine Gründe dafür, jetzt wochen- und monatelang in „Sack und Asche“ zu gehen oder sich ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen. Sollten jetzt „Weise“ oder selbst ernannte „Berater“ vorgeben, schnelle Antworten zu haben, so ist das Risiko, von der Lage abzulenken, eine wirkliche und grundsätzliche Analyse vorzunehmen und substanzielle Veränderungen einzuleiten, sehr groß!
Denn eins ist überdeutlich: Dieses verheerende Ergebnis ist nicht plötzlich über die Sozialdemokratie hereingebrochen, sondern spiegelt einen langfristigen Abwärtstrend seit der gewonnenen Bundestagswahl 1998 wieder (oder – wie Franz Walter in der FAZ am 11. Dez. 09 zutreffend analysiert – „seit 1973 fehlt der Sozialdemokratie ein schlüssiger theoretischer Überbau“). In den Ländern und Kommunen hat sich der Vertrauensverlust in die SPD sehr frühzeitig und deutlich gezeigt: Bei der Europawahl 1999 büßte die SPD 13,1 Prozentpunkte ein. 2002 in Sachsen-Anhalt verbuchte die SPD ein Rekordminus von -15,9 Prozent. Spätestens mit den eklatanten Verlusten bei den Landtagswahlen in Niedersachsen (-14,5 Prozent), Hessen (-10,3 Prozent) und der Kommunalwahl in Schleswig-Holstein (-12,9 Prozent) war die „Ergebniskrise“ der SPD in der sozialdemokratischen Wirklichkeit angekommen. Diese Warnsignale sind nur oberflächlich interpretiert worden, aber vor allem sind strategische und organisationspolitische Konsequenzen in der Regel frühzeitig ausgebremst worden.
Das „Diktat des Handelns“ wurde mit Regierungstreue übersetzt: Erst Staat und Regierung, dann Fraktion, dann Partei und Mitgliedschaft
Weitreichende Vorschläge aus den Parteireform-Kommissionen, insbesondere aus der Beck Kommission „Moderne Mitgliederpartei“ z.B. zur direkten Beteiligung von Mitgliedern an inhaltlichen und personellen Entscheidungen sind zwar zustimmend zur Kenntnis genommen worden, blieben aber ohne Konsequenzen. Für viele organisationspolitische Fragestellungen gibt es weniger ein Erkenntnisdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit, auf allen Ebenen der Partei. Beteiligungsformen und –wege müssen gelebt werden, die Kultur des Empowerments muß für Gesellschaft und Partei etabliert werden. Die Antragstellung zum Parteitag darf nicht als alleiniger Höhepunkt des demokratischen Beteiligungsaktes verstanden werden.
Der programmatische „Mainstream der Moderne“ – die Verabschiedung von grundsätzlicher Umverteilungspolitik zugunsten von Fragmenten eines neoliberalen Staatsverständnisses – wurde in wenigen Nuancen nach den jeweiligen Wahlniederlagen angepasst. Das „Diktat des Handelns“ wurde mit Regierungstreue übersetzt und beantwortet. Die Entscheidungskaskade: Erst Staat und Regierung, dann Fraktion, dann Partei und Mitgliedschaft, wurde immer effektiver weiterentwickelt und hat sicherlich auch seinen Teil zum Glaubwürdigkeits- und Vermittlungsproblem beigetragen. Selbstverständlich reicht die Umkehrung „glückliche Mitglieder = erfolgreiche Regierung“ auch nicht aus. Es schadet aber sicher nicht, erfolgreiches Regieren und Opponieren mit dem Ziel einer zufriedenen und engagierten Mitgliedschaft zu kombinieren.
Anregungen und Hinweise hierzu, unabhängig ob sie von innen oder von externen Beratern kamen, wurden thematisiert, passten aber nicht in die kurzfristigen Arbeitsprogramme der letzten Jahre. Die gängige These: „Wenn die SPD in der Regierung die richtigen Entscheidungen für das Land trifft, dann profitiert auch die Partei davon“, ist sicherlich für die letzten Regierungsjahre nicht aufgegangen. Regierungserfolge, die es auch in der Phase der Großen Koalition gab, sind in der Regel unzutreffender Weise der Kanzlerin – und damit dem rechtskonservativen Lager zugeschrieben worden. Schwierige Entscheidungen fielen umso heftiger auf die SPD zurück.
Welche Fehler sind gemacht worden? Welche Konsequenzen müssen diskutiert und gezogen werden? Wie kommt die SPD wieder auf die Beine?
Aus unserem Analysepapier, das wir für die SPD in Niedersachsen mit den Ortsvereinen, Unterbezirken, dem Landesvorstand und dem Parteirat intensiv und offen diskutiert haben, lassen sich vier Dimensionen der Veränderungen beschreiben:
1. Die inhaltliche Dimension: Bereits durch die Entscheidung der rot-grünen Bundesregierung, im März 1999 im Zuge des Kosovokrieges gegen Serbien, wurde die Bundeswehr und damit Deutschland zum aktiven Kriegsteilnehmer gemacht. Davon fühlte sich ein nicht geringer Teil der SPD-Mitgliedschaft in seiner pazifistischen Grundhaltung grundsätzlich in Frage gestellt. In der Folgezeit der Regierungsjahre wiederholte sich dieses Gefühl vor allen im Bereich der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, dem Kernstück sozialdemokratischen Gerechtigkeitswirkens. Die Inhalte der Agenda 2010 und deren Umsetzung ab 2003 sind von großen Teilen der klassischen SPD-Wählerschaft nicht akzeptiert worden. Die Reform der gesetzlichen Rentenversicherung im März 2007 („Rente mit 67“) ist auf Ablehnung in weiten Bereichen der (vor allem gewerkschaftlich organisierten) Arbeitnehmerschaft gestoßen. Wir haben es nicht geschafft, eine glaubhafte politische Alternative zu formulieren, wie wir das Rentensystem auf Dauer an die Realitäten des Arbeitslebens anzupassen und sozial auszugestalten gedenken. Solidarität in der Finanzierung und Beitragssicherheit müssen die Maßstäbe hierfür sein. Zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes wurde das Instrument der Leiharbeit strategisch durchgesetzt. Uns ist es bisher allerdings nicht gelungen, dafür Sorge zu tragen, dass Leiharbeit nicht vielfach als billiger Ersatz für reguläre Beschäftigungsverhältnisse missbraucht wird. Die Entscheidung, wie auch der Prozess der Entscheidungsfindung zur Privatisierung der Bahn, hat in breiten Teilen der Partei und des sozialdemokratischen Umfelds noch weiter entfremdend gewirkt.
2. Die strategische Dimension: Dem SPD-Bundestagswahlkampf hat es 2009 an einer klar erkennbaren und vermittelbaren Machtoption gefehlt. Der Verlust von 2,1 Mio. Stimmen an das Nichtwählerlager zeigt, dass die Option einer Fortsetzung der Großen Koalition statt eines schwarz-gelben Regierungsbündnisses für SPD-affine Wählerinnen und Wähler, aber auch für die Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer, nicht für eine ausreichende Mobilisierung am Wahlsonntag geeignet war. Für die SPD gilt, dass wir nur dann als ernst zu nehmende politische Kraft wahrgenommen werden, wenn wir glaubhaft die Chance auf die Führung und Gestaltung der Regierung beanspruchen können. Dies war auch durch die ambivalente Haltung gegenüber der FDP nicht zu vermitteln, eine rot-grüne Option war im Gegensatz zu den vergangenen Bundestagswahlkämpfen nicht gegeben. Das strategische Dilemma, einerseits nicht den gleichen Teufel an die Wand malen zu können, mit dem man das Land gut für die Menschen regieren möchte, ist nicht aufgelöst worden. Nur ein von solchen Widersprüchen unbelasteter Wahlkampf sichert auch die Aktionsfähigkeit der den Wahlkampf tragenden Mitglieder und Sympathisanten in Stadt und Land. Der Leitspruch, dass nur überzeugen kann, wer selbst überzeugt ist, gilt nach wie vor. An Klarheit im Umgang mit der politischen Konkurrenz hat es übrigens auch in Bezug auf die LINKE gemangelt: Der „ Vorgang Hessen“, die Vielstimmigkeit innerhalb der SPD zum besten Umgang mit der PDS-Nachfolgepartei und die in einigen Politikfeldern hohe Übereinstimmung der politischen Ziele, erzeugte – nicht nur bei Wählerinnen und Wählern, sondern auch innerhalb der SPD – Unsicherheit. „Auf Bundesebene wird es eine Regierungsbeteiligung der LINKE mit der SPD nicht geben“, wurde als Mantra begriffen – das seine Kraft allerdings nicht entfaltet.
3. Die soziologisch-demographische Dimension: Der demographische Wandel unserer Gesellschaft ist zwar zentraler Bestandteil aller Reden und vieler Strategiepapiere. Die Auswirkungen einer sich verändernden Gesellschaft sind noch nicht ausreichend in unsere strategischen und organisationspolitschen Überlegen miteinbezogen worden. Weniger Jung- und Erstwähler, und gleichzeitig mehr „reifere Wähler“, die vergleichsweise konservative Wertvorstellungen präferieren, stellen neue Anforderungen an unsere programmatische und strukturelle Aufstellung. Die mobile Gesellschaft der „modernen Wanderangestellten“ der ausgebildeten Mittelschicht, sowie die vor allem urbanen Stadtgesellschaften mit Migranten der zweiten / dritten / vierten Generation, die andere kulturelle Vorstellungen und unterschiedlichen Lebensentwürfen verfolgen, sind in unseren organisationspolitischen und strategischen Konzeptionen noch nicht angekommen. Ein seit vielen Jahren bekanntes Defizit, eine stärkere Beteiligung nicht nur an den Entscheidungen „der Macht“ durch die Geschlechtermehrheit, darf nicht mehr nur beschrieben, sondern muss ernsthaft angegangen werden. Doppelte Umverteilung zwischen Reich und Arm, sowie zwischen Männern und Frauen muss zur strategischen Grundlage werden.
4. Die innerparteiliche Dimension: Die elf Jahre in der Regierung haben den Wert der innerparteilichen Willensbildung stark zurückentwickelt. Viele Entscheidungen, die für den vermeintlichen Erfolg in der Regierung gefällt wurden, fielen ohne Beteiligung der Mitgliedschaft und SPD Gliederungen oder ausdrücklich gegen deren Beteiligung. Mehr als einmal wurde die Parteimitgliedschaft mit der Sackgassenstrategie „dieser Weg ist alternativlos“ konfrontiert. Dieser Vertrauensverlust wirkt sich fatal aus: Es hat die Partei Einfluss, Möglichkeiten, Kreativität und auch SPD Mitglieder gekostet.
Mehrfachorganisation von SPD-Mitgliedern anerkennen und positiv nutzen
Die Auswertung der letzten Neumitgliederbefragung (Polis, 2004 für SPD Parteivorstand im Rahmen der Kommission „Moderne Mitgliederpartei“) zur Eintrittsmotivation zeigt deutlich: Die Mitglieder fühlen sich zur SPD hingezogen oder in ihr beheimatet, weil sie ihrem inneren Verständnis nach kein „Kanzlerwahlverein“ von kritiklosen Lemmingen und keine Vereinigung zur Absicherung politischer Macht ist, sondern eine politische Partei, die Werte und Grundsätze hat und sich weiterentwickelt; aber vor allem auch deshalb, weil mit einer Mitgliedschaft in der SPD sehr konkret die Teilhabe an Gestaltungskraft und -möglichkeiten im eigenen Umfeld (Arbeitsplatz; in der Kommune oder im Land) verbunden werden. Weitere wichtige Aspekte sind der erwartete Informationsvorsprung, Möglichkeiten sich politisch/historisch und persönlich weiterzubilden sowie das Treffen mit Gleichgesinnten in der Freizeit. SPD Mitglieder sind in der Regel mehrfach organisiert. Viele in Gewerkschaften, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Umweltorganisationen und nahezu 40 % in Sportvereinen. Nun will ich an dieser Stelle keine Debatte eröffnen, die die Fusion von Sport- mit Ortsvereinen fordert, aber der Trend zur Mehrfachorganisation unserer Mitglieder scheint sich sowohl historisch (Arbeitersport, Arbeiterchöre, etc.), wie auch in der Polisbefragung – dem Interesse nach Gemeinschaft mit ähnlich Denkenden – zu bestätigen.
Nicht alle Neumitglieder wollen Bundeskanzler, Ministerpräsidentin, Landrat und Oberbürgermeisterin werden.
Mehrheitlich wird die Eintritts -„Trimension“ – gestalten wollen, besser informiert sein, Gemeinschaft erleben – sicher noch bestand haben. Das Wesentliche zu erst: Nicht jedes Mitglied will Bundeskanzler werden, und nicht jeder Ortsvereinsvorstand Kabinett. Wir müssen lernen und akzeptieren, dass es berechtige Mitgliederinteressen gibt, die zwischen Fulltime- und Partime- Engagement schwanken dürfen. Die Bedürfnisse der Menschen an die SPD verändern die Anforderungen, die wir bewältigen müssen. Von extremer Bedeutung sind dabei der Dienstleistungscharakter und die Dienstleistungsfunktion, die dem Parteiapparat zukommt: Neueintritte direkt aufnehmen, verlässliche Informationen für die Mitglieder und Gliederungen schnell aufbereiten und anbieten, Teilhabe an Entscheidung vorbereiten und sicherstellen. Die Konsequenz daraus ist, dass wir zu allererst unseren „Apparat“ stärker darauf ausrichten müssen, damit die Ansprüche der Mitglieder von den Parteistrukturen und den Mitarbeitern erfüllt werden können. (Niemand tritt in einen Fußballverein ein, um ständig an Abteilungs- und Jahreshauptversammlungen teilzunehmen – man will auch mal Tore schießen!) Um hier erfolgreich zu sein, muss es eine deutliche Professionalisierung geben, am Besten auf dezentraler oder lokaler Ebene – egal wo -, diesen Schwerpunkt müssen wir setzten.
Modelle anderer Großorganisationen, die mit dem Label „atmende Struktur“ bezeichnet werden, können für die Sozialdemokratie angepasst und übernommen werden. Nicht jede Dienstleistung muss in jedem und an allen Orten mit gleicher Ausprägung und für jede Eventualität vorgehalten werden, es müssen klare und nachvollziehbare Dienstleistungseinheiten vorhanden sein, die für die Partei und für das Mitglied transparent und direkt erreichbar sein. Ein modernes und schlagkräftiges Mitgliedermanagement, dass Mitglieder nicht als Vorgang und Nummer begreift, sondern als Gewinn für neue Handlungsfähigkeit und Potenzierung unserer Kreativität ist ein MUSS.
Organizing – Weiterentwicklung der Kampagnenstrategie?
Vor etlichen Jahren war es noch Glaubensfrage, ob mit der Methodik der Kampagnenstrategie gearbeitet werden soll oder nicht. Mittlerweile ist diese Methodik in allen Bereichen und Ebenen der Partei, in vieler Großorganisationen und auch Unternehmungen Grundlage des Planens und des Handelns:
• Konzentration auf wenige, dafür nachvollziehbare Punkte(Inhalte oder Maßnahmen),
• Planung des Ressourceneinsatzes,
• Auswahl der Instrumente abgestimmt mit allen politischen, organisatorischen und kommunikativen Handelnden einer Kampagne,
• klare und transparente Steuerung / Leitung der Kampagne.
So lassen sich stichpunktartig die Kernelemente der Kampagnenphilosphie zusammenfassen.
Vor wenigen Monaten sind – vor allem die europäischen Strategen – begeistert und euphorisiert vom Wahlerfolg Barack Obamas ausgezogen mit „neuen Elementen“ der Kampagnenstrategie. Die Zauberworte Grassroots und Web 2.0 sind in vielen Artikeln und Auswertungen aufgenommen und durchleuchtet worden. Einzelne Fragmente hieraus sollten auch unserer Wahlkampagne 2009 zum Erfolg verhelfen.
Der Erfolg von Barack Obama hat sicherlich viele Faktoren, ein Element muss m.E. aber ganz besonders in den Blick genommen werden:
Organizing:
„Organizing oder Community Organizing bezeichnet ein Bündel an Maßnahmen für die Mitgliedergewinnung – meist von Gewerkschaften, aber auch Kirchengemeinden – und für die Stärkung der eigenen Durchsetzungskraft, das in dieser Form erstmal in den Armenvierteln von Chicago in den 1920er Jahren angewandt wurde. Unter Anleitung von Community Organizern werden die Bewohner befähigt und bestärkt, aktiv für ihre eigenen Interessen und oft gegen die Interessen großer Unternehmen, einzelner Unternehmer oder mächtiger staatlicher Einrichtungen vorzugehen.“
Diese extrem kurze Definition aus Wikipedia beschreibt sehr gut, worin die Möglichkeiten einer weiterentwickelten Kampagnenstrategie – dem Organizing – liegen. Konzentration auf das Wesentliche, und Empowerment (d.h. Mitglieder und Basisstrukturen in Lage versetzten, ihren Einfluss wahrnehmen zu können) derjenigen, die den politischen Erfolg nachhaltig und dauerhaft erreichen müssen. Unser Parteivorsitzender Sigmar Gabriel hat in Dresden zutreffend formuliert: „Wir müssen dahin gehen, „wo es laut ist, dahin, wo es brodelt, dahin, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt – aber vor allem dorthin, wo die Menschen sind.“
Der Kern von Organizing ist ein Leitbild von „beteiligungsorientierter Parteiarbeit“, d.h., potentielle Mitglieder werden als mobilisierungsfähige Aktivisten organisiert, die dann zukünftig selber den Kern der lokalen Parteiarbeit bilden. Dem traditionellen Stellvertretermodell wird damit ein basisnahes Selbstvertretungsmodell entgegengesetzt. Bei den Gewerkschaften ist es ein konkretes Ziel – in der Regel ein Tarifvertrag oder die Einleitung von Betriebsratswahlen. In die Parteiarbeit übersetzt, werden es lokale und regionale Projekte sein müssen, die der sozialen oder und ökologischen Verbesserung der Lage dienen.
Bei ver.di und bei der IG Metall wird seit einigen Jahren mit der Organizing Methode gearbeitet. Vor allem in den Branchen und Regionen, in den die Gewerkschaften traditionell wenige Mitglieder und damit wenig Einfluss hatten. Die Durchsetzung des Mindestlohns und die Steigerung der Mitgliederzahlen gerade in diesen Branchen (Sicherheitsgewerbe, Reinigungskräfte, Ingenieure) belegen den Erfolg dieser Methode. Wenn die SPD hieraus lernt und den eingeschlagenen Weg konsequent weiter beschreitet, wir auch wir wieder viele Tore schießen und erfolgreich sein.
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